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Telldenkmal – ein politisches Manifest

Das Telldenkmal zählt zu den bekanntesten Denkmälern der Schweiz. Heute ist man sich kaum bewusst, dass die Urner 1895 mit dem Denkmal nicht nur den Nationalhelden Wilhelm Tell ehren wollten. Für sie stellte der von Richard Kissling in Bronze gegossene Wilhelm Tell gleichzeitig ein wichtiges politisches Manifest dar.   

Ein Blick zurück
Alles war im Umbruch am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung hatte allmählich auch Uri erreicht. Die Postkutsche war von der Gotthardbahn verdrängt worden. Nach und  zogen Arbeiter und Angestellte von auswärts mit neuen Ansichten und Lebensformen nach Uri. Selbst die glorreiche Vergangenheit wurde in Frage gestellt. Einige wagten es sogar, die Existenz Wilhelm Tells zu bestreiten und seine Tat in das Reich der Legenden zu weisen.

Schwyz macht Uri den Rang streitig
1891 war für Uri ein bitteres Jahr. Der Bundesrat hatte beschlossen, den 1291 von Uri, Schwyz und Unterwalden beschworenen Bund pompös zu feiern. Über Jahrhunderte war dieser Bund in Vergessenheit geraten. Der Glarner Chronist Aegidius Tschudi wies im 16. Jahrhundert nach ausgiebigen Studien nach, dass der erste Bund im November 1307 auf dem Rütli geschlossen worden war. Doch 1758 wurde in Schwyz der Bundesbrief von 1291 entdeckt. Sechshundert Jahre später sollte dieser Zusammenschluss gefeiert werden – allerdings nicht in Uri, sondern in Schwyz. Das empörte die Urner und sie legten dagegen vergeblich beim Bundesrat Protest ein. Denn nun kam Schwyz und nicht mehr Uri mit seinem Wilhelm Tell die Ehre zu, die Eidgenossenschaft gegründet zu haben.

1307 statt 1291 
Gegen die Geringschätzung Tells wehrten sich die Urner: Sie gossen ihren Tell in Erz. Gleichzeitig erweckten sie ihn 1898 in den Altdorfer Tellspielen wieder zum Leben. Wilhelm Tell vor dem Türmli strotzt vor Entschlossenheit und Beharrlichkeit. Sein nachdenklicher Blick ist in die Ferne gerichtet und wie er so daherschreitet mit der Armbrust auf der Schulter erweckt er den Eindruck, als möchte er am liebsten vom Sockel steigen und gegen die Unbill der Zeiten ankämpfen. Um klar zu machen, wer die führende Rolle bei der Gründung der Eidgenossenschaft gespielt hatte, liessen die Urner selbstbewusst nicht die Jahreszahl 1291, sondern 1307 in den Sockel des Telldenkmals einmeisseln.

Informationen

Datum
28. Dezember 2018